Das England der Restaurationszeit, geprägt von Glanz und Verderben, von Hofintrigen und dem langen Schatten des Bürgerkriegs – dieses ist die Kulisse, vor der Camila Urquiza acht meisterhafte Erzählungen entfaltet, die den Leser von der ersten Seite an in ihren Bann ziehen. Im Zentrum steht Henry Purcell, der wohl bedeutendste englische Komponist des 17. Jahrhunderts, dessen kurzes Leben voller Widersprüche war: Hofmusiker und Freidenker, Gläubiger und Zweifler. In der Titelgeschichte sitzt er in der Nacht nach dem Tod von Königin Mary II. an seinem Schreibpult und ringt um die Noten eines Totamts – doch zwischen den leeren Notenlinien und dem Schwiegen der Nacht drängen sich Fragen auf, die gefährlicher sind als jede Komposition. Urquizas Geschichten sind atmosphärisch dicht und historisch präzise. Die Autorin beschwört das winterkalte London der 1690er Jahre mit all seinen Gerüchen, Geräuschen und Abgründen: den mächtigen Gewölben der Westminster Abbey, den zugigen Korridoren des Kensington Palace, den flackernden Kerzenschatten in Sakristei-Vorzimmern. Das Restoration-England erscheint hier nicht als romantisierte Kulisse, sondern als eine Welt, in der Schönheit und Gefahr untrennbar miteinander verwoben sind. Besonders bemerkenswert ist Urquizas Fähigkeit, Musik als literarisches Mittel einzusetzen. Rhythmen, Pausen, Halbtöne – all das wird zur Sprache einer inneren Erfahrung, die Worte allein nicht fassen könnten. Wer Purcell liebt, wird diese Geschichten mit besonderer Freude lesen. Doch auch wer den Komponisten bisher nicht kannte, wird von diesen düsteren, vielschichtigen Erzählungen gefesselt sein.
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Purcells Schatten im Totenamt: Acht düstere Geschichten aus dem Restoration-England
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