Wien, Ende Oktober. Ein Gasthaus schläft, eine Kerze brennt, und aus dem Schankraum dringt Musik — gespielt von niemandem, in der Handschrift dessen, der oben im Bett liegen sollte. Was geschieht, wenn ein Komponist seiner eigenen Stimme begegnet, die ohne ihn weitergedacht hat? Inês Carvalho entführt uns in ein Wien, das bei Tageslicht vertraut wirkt und in der Stunde zwischen drei und vier Uhr morgens seine wahre Gestalt zeigt: eine Stadt voller Spiegel, die nicht gehorchen, Melodien, die sich von ihren Schöpfern lösen, und Begegnungen, die keine rationale Erklärung dulden. In einer Folge kunstvoll verwobener Geschichten bewegen sich Carvalhos Figuren durch diese Nachtseite der Donaumetropole — Musiker, Träumer, Schlaflose — und stoßen dabei auf das Unbegreifliche, das direkt unter der Oberfläche des Alltäglichen wartet. Was diesen Erzählband besonders auszeichnet, ist die ungewöhnliche Verschmelzung von historischer Atmosphäre und phantastischem Geschehen. Carvalho schreibt mit einer Genauigkeit, die an das Biedermeier gemahnt — an Kaffeehäuser, Kerzenlicht, schief hängende Wandspiegel und den muffigen Geruch alter Mauern — und lässt das Übernatürliche genau dort eintreten, wo man sich bereits so vollständig in dieser Welt eingerichtet hat, dass man die Erschütterung körperlich spürt. Die Prosa selbst ist ein Ereignis: langsam, präzise, von einer fast hypnotischen Dichte, die den Leser in das Bewusstsein ihrer Figuren hineinzieht, bis deren Unsicherheit zur eigenen wird. Carvalho erklärt nichts. Sie setzt Bilder, und die Bilder bleiben. Ein Buch für alle, die das Phantastische dort suchen, wo es am wenigsten Aufhebens von sich macht — und gerade deshalb am tiefsten erschreckt.
Aperçu
Sélectionnez une option de livraison
Der Doppelgänger des Herrn Schubert: Phantastische Geschichten aus dem nächtlichen Wien
1 Item ajouté au panier 1 Item ajouté au ramassage